Könnte ich eine Sonnenbrille haben? Ihr Dialekt ist so hell.

Könnte ich eine Sonnenbrille haben? Ihr Dialekt ist so hell.

Ich komme halt aus St. Gallen. Sanggalä. Und dort stehen die Chancen nun mal gut, völlig unerwartet von einem hellen A oder einem scharfen S angefallen zu werden. Die lauern dort hinter jeder Strassenecke. Und manchmal fassen diese Konsonanten und Vokale einen Entschluss und fahren allesamt nach Zürich. Nur mal um zu sehen, was man hier so zu ihnen meint. Ich muss sagen, man meint einiges.

Die Soziolinguistik erklärt.

Interessant ist die Frage nach dem Zusammenhang zwischen einem Dialekt und der Sympathie gegenüber der Person, die diesen Dialekt spricht. In der Soziolinguistik gibt es einen Forschungszweig, der sich mit unterschiedlichen Spracheinstellungen beschäftigt. So richtig spannend sind sie, wenn dabei mehrere Sprachvarietäten untersucht werden können. Der Zürcher- und der St. Galler-Dialekt sind solche. Eine Sprachvarietät kann nach drei Mustern beurteilt werden: a) nach wesentlicher linguistischer Über- oder Unterlegenheit; b) nach ästhetischen Differenzen; und c) nach sozialen Konventionen und Präferenzen. In meinen Augen spielen in der Schweiz punkto Dialekt-Hindernissen hauptsächlich die sozialen Präferenzen eine grosse Rolle. Warum?

Der Alltag zeigts.

Spannend ist, dass ein Sprecher per se nie unabhängig von seiner Einbindung in die Umwelt auf seine sprachlichen Eigenheiten untersucht werden kann. Die Sympathien für einen Landesteil oder einen Kanton spielen natürlich immer eine grosse Rolle. Die ästhethischen Differenzen lassen sich direkt daraus ableiten. Gewisse Kantone haben einen schwereren Stand als andere, weil sie im Vornhinein schon als hip, langweilig oder sonstwie qualifiziert werden. Und mit dem Kanton die Leute und der Dialekt. Es ist wohl so, und das ist völlig legitim, dass das auffallend helle A der St. Galler weniger ästhetisch klingt als das eher zurückhaltend liebe A der Zürcher. Also, werte St.Galler in Zürich, habt einfach immer eine Sonnenbrille mit. Dann sind die Wege der Sympathien füreinander schon fast ganz geebnet.



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