Kreuzzug durch Schwerzenbach

kreuzzug

Jeden morgen ist der Bahnsteig rappelvoll mit Leuten, als würde Heinrich Pestalozzi höchstpersönlich warme Weggli verteilen. Ob vorne, hinten, in der Mitte, halbvorne, halbhinten oder halbmittig: Dort wo ich einsteige, hats immer die längste Schlange. Dass mich heute ausgerechnet ein Lokführer aufheitern wird, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Die Sache mit den Sitznachbarn

Hat man als Pendler grosses Glück, entdeckt man im Zug ein freies 4er-Abteil für sich. Das Glück hält knapp 5 Sekunden an. Dann sind die drei freien Plätze nämlich bereits besetzt. Von jungen hübschen Frauen? Noch nie im Leben ist mir so etwas passiert. Noch nie! Es sind immer Leute, die entweder schwitzen wie Sau, weil sie an den Bahnhof gesprintet sind oder solche, die zwei Liter Kaffee intus haben und auch dementsprechend aus dem Mund riechen.

Kreuzzug durch Schwerzenbach

Zu allem Übel wird der Zug aus mir unerfindlichen Gründen langsamer. Einerseits bedeutet das, ich muss die Sitznachbarn noch länger aushalten, andererseits komme ich wohl zu spät zur Arbeit. Wobei ich Zweiteres im Moment gerade bedeutend weniger schlimm finde. Es ertönt eine Durchsage des Lokführers: „Liebe Fahrgäste, infolge eines Kreuzzuges verkehrt der Zug mit gedrosselter Geschwindigkeit durch Schwerzenbach.“

Wo bleibt der Kreuzritter?

Das ist jetzt halt ein bisschen doof, lieber SBB-Lokführer. Kreuzzug ist das Determinativkompositum aus den Substantiven Kreuz und Zug. Zwei sich kreuzende Züge sollte man jedoch nicht als solchen bezeichnen. Denn Kreuzzüge waren Kriegszüge der westlichen Kirche, die dazu dienten, Jerusalem von der Herrschaft ungläubiger Muslime zu befreien. Was ist nun die Ursache für die gedrosselte Geschwindigkeit, ein kreuzender Zug oder ein Kreuzzug? Des Rätsels Lösung rast wenige Sekunden später mit über 100 km/h vorbei. Nein, kein Kreuzritter zu Pferd, sondern ein entgegenkommender Zug. Der Lokführer hat es geschafft! Er hat mir an einem tristen Morgen ein Lachen auf die Lippen gezaubert. Zu guter Letzt habe ich es sogar noch rechtzeitig ins Büro geschafft. Was für ein phänomenaler Start in den Tag!



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