Philipp hat ausgezappelt

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Der Hausmeister heisst unlängst Facility Manager, die Putzfrau Reinigungsfachkraft.  Damit nicht genug, die Euphemismus-Tretmühle zieht immer weitere Kreise.

«Ob der Philipp heute still wohl bei Tische sitzen will?» Der «Zappelphilipp» ist die wohl bekannteste Geschichte aus Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter und war lange ein Synonym für unruhige, gispelige Kinder.

Heute sieht alles etwas anders aus. Der Zappelphilipp wird zum Philipp mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS. Es ist einer von unzähligen beschönigenden Ausdrücken, die sich im Laufe der Zeit in unsere Sprache geschlichen haben.

Euphemismen verwenden will gelernt sein

Besonders in der Tourismus-Branche wird viel mit Euphemismen gearbeitet. Werbetexter leisten grosse Arbeit, um heruntergekommene Hotels irgendwo in der Pampa attraktiv zu gestalten. «Zimmer im griechischen Stil» heisst nichts anderes als spartanische Grundmöblierung mit Bett, Stuhl und Tisch. Der «kurze Transfer zum Flughafen» entpuppt sich schnell als Hotel mitten in der Anflugschneise. Der Klassiker ist «Ruhig gelegenes Hotel», der Euphemismus für «Wir sind am Arsch der Welt, hier ist nix los.»

Wundeschön umschrieben

Selbstverständlich sind Euphemismen auch in anderen Bereichen des Lebens omnipräsent. Hier eine Auflistung meiner liebsten Beschönigungen:

– Kreative Buchführung statt Bilanzfälschung

– Desinvestitionskandidaten statt Personen, die entlassen werden sollen

– Ethnische Nische statt Ghetto

– Kostenintensiv statt teuer

– Minuswachstum statt Rezession

– Selbstverwirklichung statt Egotrip

– Seniorenresidenz statt Altersheim

– Spontanvegetation statt Unkraut

– Suboptimal statt beschissen

– Verhaltensoriginell statt Verhaltensgestört

– Kognitiv herausgefordert statt dumm

Kennen Sie ebenfalls einen tollen Euphemismus? Schreiben Sie einen Kommentar, wir wollen mitlachen.

Bild: Wikimedia Commons



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