Weg mit den Emoticons

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Sie beherrschen das Stilmittel der Ironie nicht? Sie sind ein sprachlicher Tollpatsch, der sich nicht so ausdrücken kann, wie er es meint? Kein Problem, dafür gibt es Emoticons.

Die älteste belegbare Verwendung des Smileys (die grafische Form des Emoticons) geht auf den amerikanischen Werbegrafiker Harvey Ball zurück. Er war es, der im Dezember 1963 zwei Punkte und einen gebogenen Strich in einen gelben Kreis zeichnete. Doch er konnte nicht wissen, was seine Erfindung für schwerwiegende Folgen haben würde. Aus seinem Smiley wurde gut 20 Jahre später ein Emoticon, also eine auf Schriftzeichen basierende Darstellung. Und so fand es seinen Weg in den Text und in unsere tägliche Kommunikation. Leider. Denn was mit den Emoticons für Unfug getrieben wird, ist kaum fassbar.

Wir degenerieren

Sie können nicht witzig genug schreiben? Sie beherrschen Ironie nicht? Sonst sprachliche Defizite? Kein Problem, für fast jede Situation steht uns ein Emoticon zur Verfügung. Irgendwann schreiben wir gar nicht mehr, dann kommunizieren wir nur noch mit ikonischen Zeichen und traben gemütlich zurück in die Zeiten der Hieroglyphen und der Keilschrift. Wollen Sie das? Wollen wir das? Ich will es nicht, ich mag Schriftzeichen und kann furchtbar schlecht zeichnen. Im oben erwähnten Hieroglyphen-Szenario wäre ich arbeitslos. Und das muss nicht sein.

Faul aber effizient

So dachte ich zumindest. Heutzutage bin ich nicht mehr ganz so radikal. Klar, ich rümpfe immer noch die Nase, wenn ich schlecht platzierte Emoticons sehe und weine leise vor mich hin, wenn ich gute Freunde dabei beobachte, die einen derartigen Unfug betreiben. Aber: Ich kann sie verstehen. Ganz im Ernst. Und noch schlimmer: Ich tue es auch. Manchmal. Okay, immer wieder. Um Missverständnissen vorzubeugen zum Beispiel. Denn egal, wie deutlich ich meine Begehren ausdrücke oder wie unmissverständlich ich eine ironische Note einbaue – irgendjemand versteht es immer falsch. Ich mache es also nur, um auf der sicheren Seite zu bleiben. Als Service sozusagen. Entweder ist es das oder ich habe innerlich aufgegeben und kann es nicht zugeben.

Eines muss man den Smileys und Emoticons aber lassen: Sie einzusetzen ist zwar ein fauler aber durchaus effizienter Weg, das Fehlen des Tons auszugleichen oder eine Bedeutungsnuance einzuflechten. Und wenn man, wie ich, beim Schreiben vom SMS nicht zu viel Zeit verlieren will, darf man das. Aber bitte nicht übertreiben.

Harvey Ball bekam übrigens 45 Dollar für seinen Entwurf. Und das Zeichen wurde leider nicht patentiert. Denn sonst müssten wir jedes Mal zahlen, wenn wir ein Smiley verwenden. Und das würde unser Schreibverhalten bestimmt in die richtigen Bahnen lenken.

Bild: Martin Weinhardt auf Flickr (CC BY 2.0)

 



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2 Kommentare zu “Weg mit den Emoticons”



  • Sonja am 1. Juli 2013 14:35 Uhr

    Du sprichst mir damit ja so was von aus dem Herzen, Mauro – vielen Dank!

    Liebe Grüsse
    Sonja


  • Mauro Werlen am 1. Juli 2013 14:41 Uhr

    :)


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