Woran man gute Fachübersetzungen erkennt

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Was bei Fachübersetzungen wichtig ist und was ein Profi dazu sagt. Unser Interview mit der Fachübersetzerin Caroline Charlier.

Übersetzungen haben wir in diesem Blog schon mehrfach besprochen, die Sprachrichtungen und Tücken auch. Wir sind uns darüber im Klaren, dass gute Übersetzungen viel Wissen und Sprachfertigkeit voraussetzen. Je nach Thema und je nach Tiefe des Themas ist auch viel Fachwissen gefragt. Womit wir bei der Fachübersetzung wären. Oft sind die Unterschiede zwischen einer gewöhnlichen Übersetzung und einer Fachübersetzung fliessend; dennoch gibt es Dinge, die anders sind. Wir wollten es genauer wissen und haben der Fachübersetzerin Caroline Charlier ein Paar fragen gestellt.

Zuallererst: Was ist Ihr Fachgebiet?

Ich habe mich auf die Bank- und Finanzbranche spezialisiert.

Was ist für Sie der Unterschied zwischen einer gewöhnlichen Übersetzung und einer Fachübersetzung?

Eine Fachübersetzung verlangt Fachkenntnisse in einer spezifischen Branche. Einerseits macht es Spass, da man sich in «seiner» Domäne befindet. Andererseits ist es eine Herausforderung, da man nie genug wissen kann und sich die jeweilige Branche stetig weiterentwickelt.

Wie halten Sie Ihr Fachwissen auf dem aktuellen Stand?

Wie die meisten Übersetzer lese ich regelmässig Fachpublikationen und nehme an Seminaren und Weiterbildungen teil.

Wie tauschen Sie sich mit anderen Fachübersetzern aus?

Hier wird es schwieriger. Ich bin inzwischen freischaffende Übersetzerin und nicht mehr in ein Team eingebunden. Natürlich gibt es inzwischen Online-Foren, da kann man sich auch austauschen.

Woran erkennt man als Auftraggeber einen guten Fachübersetzer? Worauf muss man achten?

Nun, das müssten Sie als Agentur wohl besser beantworten können. Ich selbst gebe keine Aufträge weiter; wenn ich eine Übersetzung annehme, mache ich sie immer selbst. Als Unternehmen kann man sich auf Referenzen stützen, das ist sicher ein wichtiger Punkt. Wie bei allen anderen Evaluationen ist der Lebenslauf wichtig: Wie viel Erfahrung hat die Person, welche Aus- und Weiterbildungen hat die Person absolviert? Ganz klassisch eben.

Eine Fachübersetzung braucht mehr Zeit als eine gewöhnliche Übersetzung. Wie viel mehr?

Das ist unterschiedlich. Manchmal habe ich nicht viel länger, als an einer gewöhnlichen Übersetzung und manchmal brauche ich doppelt so lange. Es kommt auf den Text an.

Wie viele Wörter übersetzen Sie pro Stunde, wenn Sie an einer durchschnittlich schwierigen Fachübersetzung dran sind?

Ach, immer diese Zahlen (lacht). Sprache ist leider nicht so genau mit Zahlen erfassbar, wie wir es manchmal gerne hätten. Ich kann Ihnen hier keine konkrete Angaben geben, es variiert von Text zu Text.

Wie gehen Sie beim Übersetzen einer Fachübersetzung vor? Gibt es da wesentliche Unterschiede zur klassischen Übersetzung?

Im Prinzip nicht. Wenn möglich versuche ich immer zuerst einen Blick auf den Ausgangstext zu werfen, bevor ich einen Auftrag annehme. Denn ich will mir sicher sein, dass ich den Text auch korrekt und fachgerecht übersetzen kann. Danach setze ich mich hin und beginne zu recherchieren. Für den Fall, dass etwas unklar ist, frage ich beim Kunden nach. Lieber frage ich einmal zu viel nach und übersetze es dann richtig, anstatt die Wissenslücke zu ignorieren und quasi blind zu übersetzen. Das kann leicht zu einer Fehlübersetzung führen.

Welche Hilfsmittel nehmen Sie zur Hand, gibt es Tools, die unerlässlich sind? CAT, Terminologie, Fachbücher etc.

Selbstverständlich! Ich will keine Werbung machen, aber alle kennen Trados Studio und Star Transit. Ich bevorzuge Trados. Auch gibt es Kunden, die eigene Tools entwickelt haben. Mit denen arbeite ich ebenfalls, auch wenn es nicht immer die angenehmste Lösung ist. Was die Terminologie betrifft, stellen die meisten meiner Kunden eine ziemlich ausführliche Liste zur Verfügung, die ich dann zwingend verwenden muss. Dies heisst jedoch nicht, dass man nicht mehr im Internet recherchieren muss. Auch wenn ich die Fachpresse lese, mache ich mir immer Notizen, damit ich auf dem Laufenden bleibe. So kommt es vor, dass ich, wenn man so will, ein Déjà-vu-Erlebnis beim Übersetzen habe. Das motiviert.

Haben Sie Tipps für angehende Fachübersetzer? Dinge, die man tun muss; Dinge, die man auf keinen Fall tun sollte?

Um sich richtig zu spezialisieren, muss man meiner Meinung nach eine Weile in einem Betrieb arbeiten, umgeben von anderen Übersetzern. Im besten Fall hat man in diesem Team einen Mentor, den man ausfragen kann und von dem man lernen kann. Dieser Weg ist jedoch vom Aussterben bedroht.

Wie man sich sonst spezialisieren kann? Wenn Sie die Möglichkeit haben, besuchen Sie eine Weiterbildung. Das ermöglicht Ihnen, andere Leute kennenzulernen, die in diesem Bereich tätig sind. Der Austausch ist enorm wichtig, egal, ob es um sprachliche Details, Informationen oder Jobs geht.

Dinge, die man auf keinen Fall tun sollte? Schwer zu sagen. Was sicherlich ein No-Go ist, ist das Vorgeben von Kenntnissen in einem Bereich, den  man eigentlich nicht kennt. In so einem Fall wird man schnell entlarvt, die Kunden merken so etwas. Und die Konsequenzen können Sie sich ja ausmalen.

Was empfehlen Sie angehenden Fachübersetzern, die sich spezialisieren möchten? Wie haben Sie das gemacht?

Ich hatte das Glück, sechseinhalb Jahre bei einem Vertrieb für Bankensoftware arbeiten zu können, der meine Weiterbildungsamibitionen immer schätzte. Ich habe enorm viel gelernt in diesem Unternehmen. Dazu kamen Seminare und Abendkurse.

Was ist das grösste Kompliment für Sie als Übersetzerin?

«Aber Sie sind doch unsere Nummer-1-Übersetzerin für diesen Kunden… haben Sie wirklich keine Zeit?»

Vielen Dank für Ihre Zeit, Frau Charlier.

Bild: Mary Margret auf Flickr (CC BY 2.0)



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Ein Kommentar zu “Woran man gute Fachübersetzungen erkennt”



  • Kurt Heimo am 17. Juni 2016 19:51 Uhr

    Ja, den guten Fachübersetzter erst einmal finden! Das ist die Kunst für den Kunden, für den Bedürftigen! Denn jede Übersetzungsagentur wird anfangs erstmal sagen „Ja, können wir. Machen wir.“ Aber am Ende haben wir Kunden ja auch das Problem, dass wir den Text nicht dahingehend überprüfen können. Sonst könnten wir ja selbst die Übersetzung vornehmen, es sei denn es fehlt nicht an Sprachgewandtheit sondern nur an Zeit. Wir müssen dem Übersetzer / Fachübersetzer einfach trauen und eventuell durch seine bisherigen Leistungen eine Einschätzung treffen können.


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