Auflisten, was wichtig ist

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Immer mehr Inhalt wird in Form von Listen angezeigt. Stimmt das? Und vor allem: Ist das eine positive oder negative Entwicklung? Was für eine Rolle spielen Bücher im ÖV?

15 Gründe, um mit dem Partner Schluss zu machen, die 10 schönsten Strände in Südostasien, die 37 gruseligsten Erlebnisse im Leben eines Vorstadtbewohners.

Das sind alles Listen, auf die ich während meiner Karriere als Internetsurfer mal gestossen bin, die Katzenlisten erwähne ich jetzt nicht. Nichts Besonderes? Möglich. Aber mir ist aufgefallen, dass es immer mehr davon gibt. Ich habe keine empirischen Belege; das ist mehr eine Empfindung, die aber auch anderen aufgefallen ist.

Vor ein paar Jahren war ich für eine Weile hin und wieder auf einem amerikanischen Blog zu Gast. Irgendwann verlor ich das Interesse, weil die Artikel im Prinzip immer dasselbe erzählten und immer schlechter wurden. Vor ein paar Monaten besuchte ich den Blog mal wieder und blieb hängen. Aber nicht, weil mich die Texte fesselten. Nein, die Listen taten es: Ich musste feststellen, dass die längeren Texte zunehmend verschwanden und – Sie erraten es – den Listen Platz machten. Die Themen reichen von Tipps zum Zusammenleben für junge Paare bis zu Auflistungen von sexuellen Vorlieben stressgeplagter Mittzwanziger. Wahnsinnig spannend also.

Der Reiz der Listen

Wir haben es auch schon getan und tun es immer wieder. Warum? Listen sind übersichtlich, sie sind konzis, sie sind einfach. Zumindest für das Publikum. Und genau darin besteht meiner Meinung nach der Reiz einer Liste: Sie liefert Fakten, Gründe, Schlussfolgerungen. Die Gedanken wurden schon von jemandem gedacht, dem Publikum werden sie auf dem Tablett serviert. Voilà. Doch wie reagieren wir darauf, wenn uns nur noch Versatzstücke vorgesetzt werden? Ich ertappe mich dabei, dass ich bei längeren Texten wegklicke. Weil es mir zu mühsam ist, sie zu Ende zu lesen, da ich mir beim Lesen Gedanken machen muss und nicht einfach die Liste konsumieren kann.

Machen Listen dumm?

Man könnte damit argumentieren, dass, wenn man nur noch vorgefertigtes Wissen konsumiert, nicht mehr selber nachdenkt. Auf der anderen Seite reduzieren solche Listen Tatsachen aufs Wesentliche, man ist schneller durch mit Lesen, kann sich neuen Listen zuwenden und noch mehr Wissen aneignen. Ob man dann Dinge nicht richtig mitbekommt, weil man nicht selber nachdenkt oder man intellektuell abstumpft, da man es sich nicht mehr gewohnt ist, selber Zusammenhänge herzustellen, ist eine andere Frage. Als Verfasser von Listen sind Sie davor sowieso gefeit, da sie ja die Denkarbeit machen, um eine schöne Liste zu erhalten. Und wenn die Liste das Produkt einer vorhergehenden Auseinandersetzung mit dem Thema ist, dann kann sie den Text etwas auflockern, was durchaus hilfreich sein kann. Sie sehen, nicht alle Listen sind böse.

Ich habe jedenfalls wieder damit angefangen, zusammenhängende Texte zu lesen. Vor allem im ÖV, denn da ist der Reiz gross, einfach das Smartphone zu zücken und Tweets oder News zu konsumieren. Im Moment lese ich Bukowskis «The Most Beautiful Woman in Town», eine Sammlung von Kurzgeschichten. Kurze Geschichten, ich weiss. Aber irgendwo muss ich ja wieder anfangen. Und Sie? Lesen Sie Listen oder Bücher?

Bild: Mathaios auf Flickr (CC BY 2.0). Ja, das ist in Paris. Ich habe noch nirgends so viele Menschen gesehen, die im ÖV Bücher lesen.



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