Das Revanchefoul.

Wenn es darum geht, sich zu rächen, reichen Worte nicht. Da können Sie jeden Westernhelden fragen. Eine Leidensgeschichte und ihr gerechtes Ende.

Rache ist ein klassisches Motiv des Western-Genres. Und seine Filme zeichnen sich auch darin aus, dass seine Protagonisten weniger reden, dafür mehr schiessen. Beispiel: Der Bösewicht hat das Haus des traurigen Helden angezündet, samt der Familie darin. Da bringt eine verbale Retourkutsche nichts – mag sie noch so saftig, derb oder böse sein. Der Fall ist klar: Hier braucht es nicht ein Satzzeichen. Sondern ein Zeichen. Ein unmissverständliches. Eines, das Genugtuung bringt. Im Western besteht so ein Zeichen üblicherweise aus Blei.

Nun sind wir ja zivilisierte Menschen. Schiesszeug haben wir nicht. Schon gar nicht tragen wir es am Gürtel mit uns herum. Was aber tun, wenn es mal soweit ist, dass man dem Bösewicht etwas hinterlassen will, das ihm unvergesslich bleibt – ihn aber nicht gleich umbringt?

Die Demütigung.

Ich war damals Mitte der 90er-Jahre in Hamburg als Texter tätig. Das Wetter entsprach allen Klischees. Der Winter war eine einzige Einladung zu einer gepflegten Depression. Im Frühjahr hatte ich die Nase voll davon und ich buchte ein Last-Minute-Angebot nach Fort Lauderdale, Florida. Die Sonne sollte meine Seele erwärmen. Mein Budget war bescheiden. Trotzdem fand ich ein Motel in der 2. Reihe hinter dem Strand. Wir einigten uns auf einen Spezialpreis. Und darauf, dass ich ein kleines Zimmer im Parterre neben der Waschküche beziehe. Natürlich liefen die Waschmaschinen und Tumbler (in Florida!) die ganze Zeit, auch nachts. Der Zimmerservice kam, wann er wollte. Er klopfte nicht mal an. Und auch den Kammerjäger, der einmal die Woche sein Gift verspritzte, störte es nicht, dass ich früh morgens oder spät abends im Zimmer war. Grosszügig wurde das Gift verteilt. Auch in meinem geöffneten Koffer. Um Geld zu sparen, schaltete man meine Klimaanlage aus. Kurz: Es hätte besser sein können.

Die Rache.

Ich hatte beschlossen, ein Westernheld zu sein. Einfach so würde der General Manager mir nicht davon kommen. Aber was würde mir die richtige Menge Genugtuung bringen, die ich für nötig hielt, um meine Ehre wiederherzustellen? Für Westernhelden ist sowas wichtig. Ich wollte etwas tun, was er nicht vergessen würde. Etwas, das ihn Geld kostet. Er musste bezahlen. Und es sollte etwas sein, das «wirkt», wenn ich aus der Stadt bin und im Flugzeug sitze Richtung Hamburg damit ich ausser Reichweite bin, falls er sich wieder an mir rächen wollte. Und das würde er zweifelsfrei, in Anbetracht dessen, was ich ihm antun würde.

Nun, es war ganz einfach. Jeder Traveller hat das Zeug dazu: Am Vorabend der Abreise erledigte ich auf der Toilette mein grosses Geschäft und platzierte dabei das Resultat auf eine Tourist Map von Florida. Beides legte ich vorsichtig in das Eisfach meines Kühlschranks. Am nächsten Morgen war mein Geschenk für den General Manager gefroren, geruchlos und von einer märchenhaften Schicht von Eiskristallen überzogen. Ich nahm die Tourist Map von Florida und legte sie zwischen Matratze und Bettgestell. Die Zeit und die Hitze erledigten den Rest: Das Zimmermädchen würde das Bett frisch beziehen, da wäre mein Souvenir noch gefroren. Doch wenn die neuen Gäste am Nachmittag eintreffen, dann würde es ungemütlich werden. Sie würden einander fragen: «Hast Du gefurzt?» «Nein, Du?» «Nein, doch nicht so.» Dann würde man die Fenster öffnen und durch das Zimmer schnüffeln. Man würde den General Manager rufen und er würde irgendwann die Matratze hochheben und mein Geschenk entdecken. Und er würde für immer wissen, dass er mich in Zukunft besser behandelt oder sich besser nicht mit mir anlegt: «This Swiss guy must be crazy!“» Wenn man ihn reizt, sicher.

Die Moral von der Geschichte.

Man kann mit Worten sehr, sehr viel erreichen. Gewisse Dinge aber nicht. Niemals. Von Haus aus Texter habe ich mir vor meiner letzten Sitzung mit der Tourist Map von Florida natürlich Gedanken gemacht, was ich dem Hund von General Manager bei der Verabschiedung sagen würde. Wie Sie nun wissen, entschied ich mich für ein «Thank you and good bye!» und für ein kleines Revanchefoul. Es gab wahrscheinlich einen Kollateralschaden. Ich kann mich nicht um alles kümmern. Das Wichtigste: Für mich war die Sache damit erledigt. Bis heute erinnere ich mich gerne an diesen Urlaub. Und daran, dass mir auch dann was einfällt, wenn mir die Worte fehlen.

Titelbild via Wikimedia Commons (Public Domain)


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