Lätzgfäderet: mein antiquiertes Schweizerdeutsch

Auch Sprachen altern – oder lassen einen alt aussehen, wie ich immer wieder feststellen muss. Ein Loblied an all die Ausdrücke, die langsam aber sicher aus dem Schweizerdeutschen verschwinden.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Mädchen auf dem Foto bin nicht ich. Meine Kinderfotos sind noch nicht so vergilbt, schliesslich bin ich noch keine 30 – obwohl meine Sprache scheinbar einen anderen Schluss zulässt.

Aber der Reihe nach.

Au menu: Ankä, Nidel und Binätsch

In der zentralfranzösischen Pampa, wo ich aufgewachsen bin, beschränkte sich die Praxis des Schweizerdeutschen auf mein Elternhaus. Da gab’s zum Abendessen Dinge wie Ankä, Nidel und Binätsch, und vor dem Schlafengehen ab und zu ein Bettmümpfeli. Dass diese Ausdrücke – und viele andere – in der Schweiz langsam verschwanden, ging natürlich an mir vorbei. Das Schweizerdeutsch, das ich heute spreche, ist ziemlich genau das meiner Eltern – und deshalb wohl auch genauso alt.

Vor einiger Zeit war ich mit einem Freund joggen. Wie immer unterhielten wir uns angeregt. An diesem Vormittag ging es um einen (nicht ganz unbekannten) Politiker. Alles normal. Bis zum Satz: «Ja gäll, das isch ebe scho chli en lätzgfäderete Typ!». Nachdem ich ihn drei Mal wiederholen musste und mich mein Joggingpartner danach darauf hinwies, dass man den Ausdruck lätzgfäderet «vielleicht höchstens noch in Bern» verwende, leistete ich mir dann auch noch einen zweiten Fauxpas: «Hüt morge woni ufgstande bin isch na chuenacht gsi!» Scheinbar versteht man auch das nicht (mehr).

«Dolmetscherin im Altersheim»

Schade, weil eigentlich gefallen mir «Bölle», «übercho» und «Chrottepösche» irgendwie besser als «Zwieble», «becho» und «Löwezah». Und der Anke passt doch auch besser aufs Semmeli als die langweilige Butter.

Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, dass mein Oldschool-Schweizerdeutsch ab und zu für schräge Blicke sorgt. Denn ein (schwacher) Trost bleibt mir auf jeden Fall. Erstens spricht es sich sowieso schöner und leichter auf Französisch, und zweitens könnte ich mich – gemäss meinen Kollegen – mit meinem Wortschatz als «Dolmetscherin im Altersheim» bewerben. Bäumige Aussichten, oder?

Titelbild via Flickr: Unknown child in a toy car, Belgium (ca. 1959-1960) – jinterwas (CC BY 2.0)


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