EM bei den Übersetzern

Patriotismus, Stereotypen und heimliche Feindschaften: Wie läuft die EM in einem Übersetzungsbüro ab?

Von selbstbewussten Deutschen, verpeilten Franzosen und (zu) neutralen Schweizern.

Das Thema ist omnipräsent. Egal ob bei der Kaffeemaschine oder in der Mittagspause: Seit zwei Wochen reden wir bei Supertext nur noch über die EM. Die mediale Dauerbeschallung trägt einen Teil dazu bei, unser multikultureller Hintergrund erledigt den Rest.

Die Vorbereitung

Alles hat mit mir und damit in der französischen Ecke angefangen. Anfang Juni habe ich ganz stolz meine französische Fahne ans Fenster gehängt. Ich mag Fussball und kann es einfach nicht verstecken. Bald folgten weitere Fahnen, die mittlerweile fast alle Fenster von Supertext Zürich verzieren. Zuerst Deutschland, dann Spanien und – natürlich zuletzt – Italien.

Obwohl viele meiner Arbeitskollegen hier in der Schweiz aufgewachsen und sogar Doppelbürger sind, unterstützen sie zu 100 % ihre erste Heimat. «Die Schweizer können sowieso nicht Fussball spielen. Die kommen ja doch nicht aus der Gruppenphase raus», habe ich sogar gehört. Ist dieser weit verbreitete Pessimismus der Grund dafür, dass von der Schweizerfahne immer noch jede Spur fehlt? Oder illustriert das nur die schon fast legendäre Schüchternheit der Schweizer? Ich kann es mir nicht erklären. Die Schweiz scheint jedenfalls nur die zweite Wahl von vielen im Büro zu sein. «Klar bin ich für die Schweiz – wenn mein eigentliches Team nicht spielt», hört man von den meisten.

Anpfiff!

Hitzig werden die Diskussionen jeweils, sobald es um die fussballerische Qualität der einzelnen Nationen geht. Jenny, unsere deutsche Kollegin, trat bereits beim Aufhängen des Spielplans sehr selbstbewusst auf: «Ich könnte schon Deutschland hier eintragen», sagte sie mit dem Zeigefinger auf dem Kästchen für das Finalspiel. Ich bleibe dagegen lieber vorsichtig: «Ich hoffe, Frankreich kommt ins Halbfinale. Mehr können wir leider nicht erwarten». Wer hat nochmal gesagt, die Deutschen seien arrogant und die Franzosen immer am Meckern?

Der bescheidene Schweizer Kollege hat während dem Spiel gegen Rumänien hingegen so reagiert: «So sind wir Schweizer. Wir überlegen uns vor dem Kasten immer, was wäre, wenn er reingehen würde. Wen könnten wir damit verärgern?» Zeigt sich die Schweizer Neutralität also sogar auf dem Spielfeld?

Das Interessanteste an der EM bei Supertext sind also gar nicht die Spiele. Vielmehr geht es darum, zu beobachten, ob und wie sich nationale Stereotypen in einen so internationalen Haufen einschleichen. Die Emotionen kochen hoch, 90 Minuten lang hasst jeder den Kollegen heimlich. Und alle meckern im Chor über den Rasen, den die verpeilten Franzosen mal wieder nicht richtig hingekriegt haben.

Und wer gewinnt nun am Ende?

Wenn es dann aber ernst gilt – beim Tippspiel nämlich –, besiegt der Realismus meist den Nationalstolz. So tippen die meisten von uns auf Deutschland, danach kommen Frankreich und Spanien. Aber ganz egal, wer gewinnt: Wir dürfen uns noch auf zwei weitere Wochen Freude und Leid, Klischees und Patriotismus freuen.

Und auf wen tippen Sie?

Bild via Flickr: Ministry of Foreign Affairs of the Republic of Poland (CC BY-ND 2.0)


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