Notausgang Sinn machen

Wenn Sprache wandert: Sinn machen oder Sinn ergeben?

Ab wann sind importierte Begriffe richtiges Deutsch?

«Unsere Sprache geht vor die Hunde!», hört man die Sprachpuristen schreien, wenn die junge Generation von daten, gamen und vertaggen spricht. Vieles davon mache gar keinen Sinn und wir realisierten es noch nicht einmal.

Tatsächlich unterwandert Englisch zunehmend unseren Sprachalltag. Von «Gelikte Statusse» (das erste Wort ist richtig, das zweite falsch) über Umlaut-Orgien bei «Pömps» und «Löntsch» bis zur inflationären Nutzung neuer Modewörter von Hashtag über Crowdfunding bis Gender-Diversity-Awareness. Soviel so offensichtlich.

Primitive Übersetzungsanglizismen?

Das ist aber noch lange nicht alles. Es geht nämlich auch subtiler, wie Sie als findige Sprachexperten sicher bereits im ersten Abschnitt bemerkt haben. Ein grosser Teil unserer Alltagssprache ist aus dem Englischen ins Deutsche gewandert, ohne dass wir es merken. Einige Beispiele:

  • «Sinn machen»
    Ist direkt von «This makes sense» abgeleitet. Ursprünglich kann eine Sache auf Deutsch aber keinen Sinn machen, sondern höchstens haben oder ergeben.
  • «Nicht wirklich»
    Ergibt etwas für Sie «nicht wirklich» Sinn, ist das ebenfalls falsch. Der Ausdruck entspringt dem englischen «not really» und müsste korrekterweise «eigentlich nicht» heissen.
  • «Realisieren»
    Auch der Satz «Ich muss erst noch realisieren, was gerade passiert ist», ist streng genommen kein richtiges Deutsch. Auch wenn er bei Interviews am Spielfeldrand immer wieder zum Besten gegeben wird. Das Verb «realisieren» stand jahrhundertelang nur für die Verwirklichung einer Idee oder eines Konzepts. Erst durch den Einfluss des englischen «realize» wird auch auf Deutsch realisiert, wenn etwas erkannt oder begriffen wird.
  • «Hart arbeiten»
    Es ist wohl der Synchronisation der TV-Serie Dallas geschuldet, dass viele von uns nicht mehr schwer, sondern hart arbeiten.

Die Liste liesse sich beliebig erweitern, von «Frühstückszerealien» bis «einen guten Job machen».

Was gilt nun?

«Nicht weiter schlimm», denken Sie sich jetzt. Die neuen Begriffe haben ja längst Eingang in die Sprache der Allgemeinheit gefunden. Und vermutlich haben Sie damit sogar recht. Aber was, wenn Sie die Ausdrücke bei einem Aufsatz korrigieren müssten? Ab wann gelten importierte Begriffe als korrektes Deutsch? Und wer entscheidet darüber?

Der Ritterschlag ist natürlich die Aufnahme in den Duden. Und tatsächlich: Sinn machen und auch realisieren als begreifen kommen mittlerweile darin vor. Nur, kann der Duden den aktuellen Sprachgebrauch der Gesellschaft überhaupt korrekt abbilden? Und ist das dann auch richtig? Und ist alles ausserhalb des Dudens automatisch falsch?

Konstant im Wandel

Darüber verstricken sich Linguisten oft in hitzige Debatten. Und finden keine klare Antwort. Wir fordern jedenfalls mehr Flexibilität. In der globalisierten Welt machen angelsächsische Einflüsse auch vor der Sprache nicht halt. Und sie sind sogar legitim. Schliesslich ist die Sprache seit jeher auch ein Spiegel der Gesellschaft.

Über Stilfragen lässt sich aber immer debattieren. Wir halten uns hier an die ursprünglichste Funktion der Sprache: Medium des Denkens. Wenn Sie also mit «das macht Sinn» einwandfrei, und ohne schiefe Blicke zu ernten, verstanden werden, soll dem nichts im Wege stehen. Das macht doch mal Sinn.

Titelbild via Wikipedia: Holger Ellgaard – Wer hat denn den Schlüssel??? (CC BY-SA 4.0)



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10 Kommentare zu “Wenn Sprache wandert: Sinn machen oder Sinn ergeben?”



  • Lennart Bauer am 23. Dezember 2017 14:16 Uhr

    Schöner Artikel, der das Thema endlich mal etwas objektiver und ohne überflüssigen Sprachpurismus angeht. Denn wer sich in feinstem fachterminierten Deutsch über fremde Spracheinflüsse echauffiert, der heuchelt. Nur wer es ernsthaft hinbekäme, mir in reinstem Deutsch, ohne beispielsweise französische, englische und vor allem lateinische Spracheinflüsse zu schildern, warum das bitte „Sinn ergibt“ und nicht „Sinn macht“, mit dem lasse ich mich auf eine ernsthafte Diskussion darüber ein. Aber viel Spaß bei dem Versuch ;)


  • Ren am 7. Dezember 2018 6:50 Uhr

    Ich finde diesen ganzen Wandel recht … schade. Am Ende hören sich alle Sprachen nur noch wie Englisch an. Und in unserer globalisierten Welt wird es auch nicht so sein, dass es ein paar Einflüsse von außen gibt und dann erst wieder Ruhe ist und sich die Sprache alleine weiterentwickeln kann, sondern es wird immer so weitergehen, bis alles zum Einheitsmatsch geworden ist… Vor allem finde ich, dass englische Begriffe das Sprachbild stören. Die hören sich nicht deutsch an und werden absurd ausgesprochen. Wörter mit lateinischer oder griechischer Abstammung sind wenigstens so weit ans Deutsche angepasst, dass sie von der Aussprache her nicht auffalllen. (Obwohl sehr viele Fremdwörter (nicht alle!) einfach nur redundant sind – beispielsweise das Wort „redundant“.) Und die paar französischen Wörter hören sich ganz nett an, vielleicht weil ich die französische Aussprache lieber mag als die englische.
    Das ist alles nicht zwangsweise schlecht, Veränderung hier, Veränderung da, ich … mag es nur nicht.

    Das Problem beispielsweise bei „realisieren“ sehe ich darin, dass das Wort nicht mehr eindeutig ist. Was meine ich, wenn ich sage „Das muss ich erst noch realisieren“ und vom Teppichkauf rede? Muss ich erst noch begreifen, dass ich einen neuen Teppich habe, oder habe ich den Teppich noch gar nicht gekauft, muss also das Projekt Teppichkauf noch in die Tat umsetzen? Vielleicht sollte man das Wort gerade deswegen ganz aus seinem Sprachgebrauch streichen, denn man wird eben NICHT verstanden.

    Mit dem Ausdruck „Sinn machen“ habe ich dagegen ein ganz anderes Problem, nämlich dass „machen“ im Deutschen eine andere Bedeutung als im Englisch hat. Sage ich „Das macht Sinn“, dann schafft, kreiiert dasjenige geradezu aktiv einen Sinn, der vorher nicht da war – wohingeben bei „Das ergibt Sinn“ der Sinn eine natürliche Folge ist, sozusagen mitkommt, dabei oder inbegriffen ist und nicht aktiv geschaffen wird. (Ich verurteile dabei niemanden, der gerne Sinn schafft; man versteht, was gemeint ist. Ich möchte den Ausdruck nur ungern selber benutzen.)
    Wobei sich an dieser Stelle bei beiden Ausdrücken die Frage stellt, wo in etwas Logischem überhaupt ein Sinn liegt. „Sinn“ ist doch etwas weitaus Tiefgründigeres und Philosophischeres – oft geht es auch um den Lebenssinn – als … naja, eine Aussage, die ich nachvollziehen kann, jetzt verstehe, für logisch und folgerichtig halte. Wenn schon das Verständnis, dass ich meinen Tee vor dem Trinken lieber abkühlen lasse, einen Sinn schafft – was tue ich dann hier und suche nach dem Sinn meines Lebens?


  • Barbara am 29. Januar 2019 19:51 Uhr

    Danke, Ren, Sie schreiben mir aus dem Herzen!


  • Michael am 16. März 2019 15:22 Uhr

    Also, ich musste schon bei der „globalisierten Welt“ herzlich lachen…


  • Nope Why am 7. Juli 2019 9:44 Uhr

    Ich finde den Umgang mit dem Thema gut, tatsächlich so schön unaufgeregt aber ich bin auch der Meinung das Sprache nunmal im Wandel ist.
    Was mir am Herzen liegt ist das ‚Sinn machen‘. Denn für mich ist Sinn etwas, das sich ergibt. Ein Gegenstand hat keinen Sinn. Der Sinn ergibt sich aus der Kombination mit anderem zum Beispiel Umständen. Hätte etwas Sinn könnte man es universal benutzen.
    Als Beispiel nehme ich eine Taucherflasche. Hätte Sie Sinn würde man überall wo man atmen will eine Taucherflasche mit sich herumtragen. Aber es macht(ergibt) erst Sinn eine Taucherflasche zu benutzen wenn das Atmen durch Mangel an Atemluft bspw. Wasser erschwert wird.

    Im allgemeinen denke ich, dass man den Wandel von Sprache zulassen sollte solange er logisch begründet werden kann.

    Realisieren ist für mich beispielsweise auch für abstraktere Konzepte anwendbar. Wie zum Beispiel den Tod eines Menschen oder den Sieg in einem Spiel da es einem Menschen nicht direkt einleuchten muss weshalb man jetzt plötzlich gewonnen hat, oder man alleine ist. Es schafft neue Möglichkeiten und macht eine Sprache flexibler wenn man Worte einer anderen Sprache integriert.

    Es ergibt für mich Sinn Sätze nach der geltenden Grammatik zu bilden, da sich der Sinn dadurch leichter abzeichnet.

    Also zusammenfassend würde ich sagen dass man den Wandel der Sprache nicht aufhalten kann und die Verweigerung des Wandels die Sprache nicht schützt sondern sterben lässt.


  • Bernardo Egli am 17. Juli 2019 15:54 Uhr

    Sehr schön, man kann es nicht oft genug sagen. Hatte gerade heute Freude an der Kommunikation unserer „PostFinance“, dort legt man auch noch Wert auf „Sinn ergeben“ und „sinnvoll sein“. Gut zusammengefasst und wie sagt man so schön: „Best practice sharing“ ist das neue „abkupfern“ :-) («Zwiebelfisch» vom 20.08.2003)


  • Reinhold am 22. August 2019 12:22 Uhr

    Ja, Sprache hat sich immer weiter entwickelt. Es gibt aber einen großen Unterschied zu früheren Jahrhunderten: In der direkten und persönlichen Kommunikation mit Personen des eigenen Umfeldes wurde die Sprache nur langsam und behutsam verändert und in dem Tempo, indem sich das Umfeld selbst durch Einflüsse verändert hat.

    Heute spielen die Medien, vor allem das Fernsehen, DIE entscheidende Rolle bei der Verbreitung von Anglizismen oder auch von unkorrekten Redewendungen. Beispiele „von daher…. , von dem her……
    ab und an…(statt ab und zu)“, wurden uns eindeutig durch das Fernsehen übergestülpt. Fast alle sprachlichen Einflüsse der letzten Jahrzehnte sind weniger durch das Sprechen selbst verbreitet worden, als durch die Medien. Wir sprechen eine „aufgesetzte“ Sprache, nicht unbedingt eine lebendige. Ich bin sicher, dass der deutsche Sprachraum, besonders in Deutschland, hierfür anfällig ist. Aus Frankreich und Spanien weiß ich persönlich, dass dort die Beeinflussung deutlich geringer ist und z.B. Anglizismen eher in der Landessprache und der Landesbetonung ausgesprochen werden, wie das früher auch einmal in Deutschland war, Beispiel „Clown“, der war in meiner Jugend (50-er Jahre) nur als „Klon“ bekannt.

    Zumindest redaktionelle Beiträge der Medien, sollten stärker darauf achten, was sie uns zum „Fraß“ vorsetzen.
    Grüße aus Deutschland von Reinhold


  • Kai am 14. Oktober 2019 12:47 Uhr

    Mich schaudert es etwas bei „Nicht wirklich“ und „Realisieren“ und noch viel mehr bei „Das König der Biere“.
    Aber ich fand bisher niemand, der sich über die (deutsche?) Wortschöpfung „Handy“ echauffiert hat, außer Kollegen im englischen Sprachraum.
    Bei „Es macht Sinn“ fühle ich überhaupt kein Unbehagen. Schließlich gab es vor dem Urknall (oder der Schöpfung) weder Licht, Raum noch Zeit. Wahrscheinlich auch keinen Sinn. Also muss der Sinn wohl gemacht worden sein.


  • Martin Gathmann am 13. Januar 2020 12:40 Uhr

    Ist die Kritik an „etwas macht Sinn“ nicht eher eine Erfindung eines nicht explizit sprachwissenschaftlich ausgebildeten Spiegel-Redakteurs, die von unzähligen Adabeis kolportiert wurde? Selbstverständlich kann im Deutschen etwas „Sinn machen“. Das ist doch eine durchaus übliche Konstruktion. Etwas macht Freude, Spaß, usw. Die Ursache-Wirkungs-Beziehung ist einfach stärker, als wenn etwas „nur“ Sinn ergibt.


  • C. am 2. April 2020 12:16 Uhr

    Auf Platt / Altsächsisch heißt es „dat mok sinn“
    Da Meine Mutter in der alten Sprache großgeworden ist sprechen ich auch noch die alte spreche im Alltag, leider leidet dadurch meine Hochdeutsche Aussprache allgemein. Also bei mir kommt es nicht aus dem englischen, die Engländer haben es quasi aus dem Altenglischen übernommen, was wohl das selbe ist, wie Altsächsisch in Norddeutschland (LK Cuxhaven / Hadeln).


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