Unübersetzbare Wörter: Wenn aus Linguisten Reiseführer werden

Gewitter_Trocken

Wussten Sie, dass man «sich ausziehen, um besser tanzen zu können» mit einem einzigen Wort beschreiben kann?

Ja, auf Bantu geht das. Und für den herrlichen Duft, der einen nach dem Gewitter im Titelbild erwartet, gibt es auch ein Wort. Aber dazu später mehr.

Weltweit gibt es knapp 7’000 Sprachen. Darin finden sich unzählige (beinahe) unübersetzbare Wörter. Einige Beispiele haben wir schon hier, hier und hier vorgestellt. Das Thema fasziniert, denn es bringt uns an die Grenzen der sprachlichen Möglichkeiten. Dorthin, wo man die Kultur eines Volks wirklich verstehen muss, um – zumindest auf Umwegen – eine sinngemässe Übersetzung hinzukriegen. Kurz: Der Übersetzer wird zum Fremdenführer.

Fasziniert davon ist auch Tim Lomas. Erst kürzlich hat der Dozent für positive Psychologie an der University of East London sein «Positive Lexicography Project» veröffentlicht. Dort werden «unübersetzbare» Begriffe zum Thema Wohlbefinden aus aller Herren Länder gesammelt. Von Albanisch bis Yagán. Wir haben die Sammlung unter die Lupe genommen.

Voller Vorfreude vom Feierabend schwärmen

Deutsch ist schwierig, das ist nichts Neues. Beim Anblick der 63 Einträge wird es einem aber umso bewusster – nur Sanskrit, der Sammelbegriff für alt-indische Sprachen, hat mehr. Meine Lieblingsbeispiele aus dem Deutschen; vor allem natürlich das Letzte.

  • Feierabend
  • Schnapsidee
  • Geborgenheit
  • Habseligkeiten
  • Schwärmerei
  • Vorfreude
  • Fernweh
  • Weltschmerz
  • Waldeinsamkeit
  • Wanderlust
  • Kitsch
  • Fremdschämen
  • Sprachgefühl

Sólarfrí, Mannvaasanai und Mbuki-mvuki

International gibt es Kurioses zu finden. Wörter, bei denen man sich kaum vorstellen kann, wieso jemand Bedarf an diesem bestimmten Ausdruck haben könnte. Etwas neidisch werden wir trotzdem. Vor allem beim Gedanken an die Isländer.

  • Sólarfrí, Isländisch für «Sonnenfeiertag», einen Tag, an dem die Angestellten unerwartet frei bekommen, um einen speziell sonnigen/warmen Tag zu geniessen.
  • Gumusservi, Türkisch für das Schimmern des Mondscheins auf der Wasseroberfläche.
  • Ilunga, Tschiluba für die Bereitschaft, einen Fehltritt ein erstes Mal zu verzeihen und ein zweites Mal zu tolerieren. Beim dritten Mal ist dann aber fertig lustig.
  • Mannvaasanai, Tamil für den Duft von Regen auf trockener Erde.
  • Ayurnamat, Inuit für eine stoische Einstellung, bei der man sich keine Sorgen über Dinge macht, die nicht geändert werden können.
  • Gigil, Tagalog für den unwiderstehlichen Drang, jemanden zu knuddeln, weil man ihn oder sie liebt oder sehr schätzt.
  • Curglaff, Schottisch für das belebende Gefühl, wenn man plötzlich in kaltes Wasser taucht.
  • Kundung, Koreanisch für das Wehen der Baumspitzen im Wind.
  • Cafuné, Portugiesisch für: «einer geliebten Person mit den Händen durch die Haare fahren».
  • Komorebi (木漏れ日), Japanisch für Flecken aus Sonnenlicht, die entstehen, wenn die Sonne durch Baumblätter scheint.
  • Pochemuchka (почемучка), Russisch für jemanden, der immer (zu) viele Fragen stellt.
  • Mbuki-mvuki, Bantu für «sich ausziehen, um unbeschwert tanzen zu können».

Und wohin führt Ihre nächste Sprachreise?

Titelbild via Pexels: Time Lapse Shot of Lightning Strikes on Ground (CC0)



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