Ein fehlendes Komma das Millionen kostet

Oxford Comma Milk

Zehn Millionen für ein fehlendes Komma? Ja, das geht. Hier kommt der wohl nerdigste Rechtsfall aller Zeiten.

Interpunktion ist wichtig, keine Frage. Nur scheint das an drei Vierteln der Bevölkerung so spurlos vorbeizuziehen wie der jeweilige Gewinner des Eurovision Song Contests. Was für 2016 die Ukrainerin «Jamala» gewesen wäre. So ganz nebenbei.

Wer also keinen privaten Kreuzzug für die korrekte Interpunktion starten will, braucht Argumente, um lernresistente Kommaverweigerer vom Gegenteil zu überzeugen. Und die gibt es jetzt mehr denn je: Vergangenen Monat wurde der Verlauf eines Rechtsstreits im US-Bundesstaat Maine total auf den Kopf gestellt. Von einem einzigen fehlenden Komma.

Die Milchlastwagen …

Alles begann mit der Klage einer Gruppe von Lastwagenfahrern. Sie verlangten von ihrem Arbeitgeber, dem Milchproduzenten «Oakhurst Dairy», die Auszahlung geleisteter Überstunden im Wert von über 10 Millionen Dollar. Oakhurst Dairy verweigerte die Auszahlung mit Verweis auf die Überstunden-Gesetzgebung des Bundesstaats. Diese schliesst einige Tätigkeiten explizit vom Anspruch auf bezahlte Überstunden aus:

«The overtime provision of this section does not apply to:
[…]
F. The canning, processing, preserving, freezing, drying, marketing, storing, packing for shipment or distribution of:
(1) Agricultural produce;
(2) Meat and fish products; and
(3) Perishable foods.
[…]»

Hierzulande wäre also alles klar. Die Fahrer arbeiten in der Distribution landwirtschaftlicher Güter, ergo besteht kein Anspruch auf eine Auszahlung.

… das Oxford Comma …

Anders sieht es unter der englischen Zeichensetzung aus. Hier sorgt das Oxford Comma für Diskussionen: Aufzählungen können auf Englisch entweder mit oder ohne Komma vor der Konjunktion (meistens «and»/«or») und dem letzten Begriff geschrieben werden. Ein Beispiel:

  • Supertext has opened branches in Berlin, Lausanne and Los Angeles.
  • Supertext has opened branches in Berlin, Lausanne, and Los Angeles.

Beide Schreibweisen sind korrekt und können identisch verwendet werden. So lange der Einsatz konsistent (und in Einklang mit einem allfälligen Styleguide) geschieht. Kein Problem also.

Es gibt nur eine Ausnahme – jene der Verständlichkeit.

  • I love my parents, Winnie the Pooh and Snow White.

Wer hier geliebt wird, ist nicht klar. Sind es die Eltern und zwei Fantasiefiguren? Oder nur die Eltern, die zufällig Winnie Puuh und Schneewittchen heissen? Zugegeben, das Beispiel ist gestelzt. Aber trotzdem wichtig.

In Maine entbrannte denn auch sofort ein Streit darüber, wie die Aufzählung im Gesetzestext nun zu verstehen ist. Ist «packing for shipment or distribution» eine Einheit oder nicht? Ausgeschlossen sein könnten also:

  • «Verpackungsarbeiten für die Verschiffung oder Distribution» oder
  • «Verpackungsarbeiten für die Verschiffung» und «Distribution»

… und der Richter

Das Gericht entschied sich für die erste Variante. Das freut die Trucker, die ja nichts verpacken, sondern für die Distribution selbst zuständig sind. Ihnen wurden Nachzahlungen von über 10 Millionen USD in Aussicht gestellt.

Der Fall wird nun wahrscheinlich ans nächsthöhere Gericht weitergezogen. Wir halten Sie auf dem Laufenden, wie der «nerdigste Disput aller Zeiten» weitergeht. Positive Seiten hat der Streit aber bestimmt. Und wenn es bloss ist, dass sich ein Haufen Juristen mit den Feinheiten korrekter Zeichensetzung auseinandersetzen darf.

Titelbild via Flickr: got milk? – Pixagraphic (CC BY-ND 2.0)



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3 Kommentare zu “Ein fehlendes Komma das Millionen kostet”



  • Mich El am 19. April 2017 17:03 Uhr

    Fehlt nicht auch noch ein Komma im Titel? ;-)


  • Fabio Schmuki am 20. April 2017 8:29 Uhr

    Ciao Mich El
    Gut erkannt, da fehlt eines. Und das mit voller Absicht.

    Supergruss
    Fabio


  • Andreas am 1. November 2017 19:04 Uhr

    Ich hätte jetzt «shipment» imZusammenhang mit «truckers» eines höchstwahrscheinlich im «domestic market» tätigen Produzenten nicht mit «Verschiffung» übersetzt (was es schon auch bedeuten kann). Meistens steht der Begriff jedoch schlicht für «Lieferung», «Versand», «Transport» etc. «Verschiffung» ist halt die aus dem Deutschen naheliegende und scheinbar offensichtliche Übersetzung. Aber eben nur scheinbar.


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