«Herr aller Ringe»? Warum Tolkien schwierig zu übersetzen ist

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Der Herr der Ringe gehört zu den meistverkauften Büchern aller Zeiten. Kein Wunder also, dass der Roman schon in 38 Sprachen übersetzt wurde – und ein Ende nicht in Sicht ist. Aber der Weg dahin (und wieder zurück) ist ein steiniger …

Die Schwierigkeiten beim Übersetzen

J. J. R. Tolkien war ein Experte in germanischer Philologie und schien grossen Gefallen daran zu finden, sein Fachwissen in seine Romane einfliessen zu lassen. Es reichte ihm nicht, die komplexe Welt und Geschichte von Mittelerde zu erschaffen: Er schrieb Der Herr der Ringe so, als handle es sich um die Übersetzung eines Buches, das in «Westron», einer mittelerdischen Sprache, geschrieben wurde. Dann bediente er sich mit dem Englischen verwandter Sprachen, um die Verbindungen zwischen seinen erfundenen Sprachen zu festigen – in «Rohan», einer Region, die auf der angelsächsischen Tradition aufbaut, spricht man eine auf dem Altenglischen basierende Sprache, während die Zwerge altnordische Namen erhielten.

Tolkien traf sehr bewusste Entscheidungen bezüglich der Sprachen und Namen, die er verwendete. Manche davon leuchten sofort ein – zum Beispiel, den Ents baumbezogene Namen zu geben. Andere, z. B. Ortsnamen, die wie Übersetzungen aus dem Elbischen klingen, zeugen von seiner Detailverliebtheit. (Und wussten Sie, dass der alte Plural von «dwarf» «dwarrows» ist? Nein? Keine Angst, ausser Tolkien weiss das wohl niemand.) Eine Übersetzung zu übersetzen, ist schon schwierig genug. Ist die Ausgangssprache der zu übersetzenden Übersetzung eine bis ins letzte Detail ausgeklügelte erfundene Sprache, kommt wohl jeder ins Stolpern – und mancher mehr als andere.

Einer, der gar nichts verstanden hat …

Der schwedische Übersetzer Åke Ohlmarks hat sich mit Übersetzungen von Shakespeare bis Dante einen Namen gemacht, aber Hobbits sollten ihm zum Verhängnis werden. Bei seiner Übersetzung von Der Herr der Ringe hat er an manchen Stellen eine zweifelhafte Wahl getroffen. Manche wurden nur von Lesern entdeckt, die ganz genau hinschauten (von denen es allerdings viele gab), wie seine völlige Unkenntnis von Tolkiens detaillierter Etymologie. So übersetzte er zum Beispiel «Rivendell» mit «Vattnadal», was so viel heisst wie «Wassertal», weil er «riven» fälschlicherweise als «river» interpretierte. Für die krassen Fehler auf faktischer Ebene jedoch, wie die Tatsache, dass er «Isengard» auf vier verschiedene Arten übersetzte – sogar in zwei unterschiedlichen Schreibweisen im selben Absatz! – findet sich so leicht keine Entschuldigung. (Vielleicht hätte er einfach einen besseren Lektor gebraucht?)

Noch erstaunlicher als diese glanzlose Übersetzung ist jedoch die Kontroverse, die sie auslöste. Es gab mehrere Reklamationen von Lesern und Aufforderungen, den Text zu überarbeiten, die Ohlmarks aber allesamt ignorierte. Als dann 1977 Das Silmarillion veröffentlicht wurde, stimmte Tolkiens Sohn Christopher einer schwedischen Übersetzung nur unter der Bedingung zu, dass diese nicht von Ohlmarks erstellt werde. Der anhaltende Streit setzte Ohlmarks offensichtlich zu: Nachdem 1982 in seinem Haus ein Feuer ausgebrochen war, beschuldigte er Tolkien-Fans der Brandstiftung. Später veröffentlichte er ein Buch, in dem er Tolkien mit schwarzer Magie und dem Nationalsozialismus in Verbindung brachte. (Wer würde daran zweifeln, dass der Name Saruman eine Ableitung von «SA man» (SA-Mann) mit dem Wort «Ruhm» in der Mitte ist?)

… und eine, die alles richtig machte

Nach dem schwedischen Fiasko entschied sich Tolkien, einen Leitfaden zu den Namen in Der Herr der Ringe zu schreiben, der das Leben künftiger Übersetzer einfacher machen sollte – darunter das der deutschen Übersetzerin Margaret Carroux. Sie achtete sehr viel mehr auf Tolkiens Sprache und seine Absichten als Ohlmarks. So stattete sie dem Autor sogar einen Besuch in Oxford ab, mit einem Koffer voller Notizen im Gepäck. Ihre Übersetzung lässt einen viel höheren Grad an linguistischer Sorgfalt erkennen: «Elf» wurde zum Beispiel zu «Elb», weil «Elf», das im Deutschen auch existiert, zu stark mit elfenhafter Frechheit assoziiert wird. Weiter hat Carroux auch bewusst darauf verzichtet, «Shire» wörtlich zu übersetzen. Statt für «Gau», von dem sie fand, dass es durch seine Verwendung in der Nazizeit vorbelastet war, entschied sie sich für das künstlichere Wort «Auenland».

Die Übersetzung von Carroux fand grossen Anklang und hatte einen ebenso grossen Einfluss: Sie setzte den Massstab für den Stil vieler Fantasy-Romane, die künftig ins Deutsche übersetzt wurden. Eine neuere Übersetzung von Der Herr der Ringe von Wolfgang Krege, die im Jahr 2000 erschien, versuchte, die Sprache etwas zu «aktualisieren». Aber seine Verwendung von 90er-Slang (so nennt Sam Frodo z. B. «Chef» und Pippin erwähnt einmal das Fundbüro) löste gemischte Gefühle aus. Nichtsdestotrotz konnte dies Tolkiens Beliebtheit nichts anhaben – wir sollten uns also auf viele weitere fragwürdige Übersetzungen gefasst machen …

Titelbild via Unsplash (CC0)



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