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Doppeldeutigkeit und «Explicit Content»: Wieso Despacito auf Englisch so brav klingt

Ein leidenschaftliches Intermezzo in einem Club oder eine traumhafte Begegnung mit der wahren Liebe – wie kann derselbe Song in einer anderen Sprache ganz anders rüberkommen? Die Antwort findet sich in der Transkreation des Textes.

Wer erinnert sich nicht an Despacito? Dieser überaus beliebte Hit, den Sie wahrscheinlich mit einer Entgiftungskur wieder loswerden mussten, nachdem Sie ihn millionenfach gehört hatten. Bereits ein riesiger Clubhit, verhalf ein Remix mit Justin Bieber dem Song im Frühjahr 2017 zu weltweitem Ruhm und machte ihn zur meistverkauften Latin-Single in den USA. Fragen Sie jedoch einen spanischen Muttersprachler, wird der Ihnen sagen, dass die englische Übersetzung den Inhalt des Originaltextes extrem abmildert.

Der Ton macht die Musik

Während der englische Text junge Mädchen von wahrer Liebe und Romantik träumen lässt, geht es im spanischen Original um eine leidenschaftliche Begegnung in einem Nachtclub. Im Intro des Originals wird von einem Typ erzählt, der in einer Bar eine junge Frau beobachtet und sich heisse Tanzszenen mit ihr vorstellt – und natürlich auch, wie es danach bei ihm zu Hause weitergehen könnte. In der Fassung mit Justin Bieber hingegen wird die Frau als das Beste bezeichnet, was ihm je passiert ist – «mein Sonnenaufgang am dunkelsten Tag» –, und es wird eine romantische, wenn auch leicht sinnliche Beziehung impliziert. Die Ironie daran ist, dass die Sänger, sobald wieder ins Spanische gewechselt wird, davon sprechen, die Frau ausziehen und ihre intimen Stellen mit dem Mund erforschen zu wollen. Mein persönlicher Favorit ist der Teil, in dem er davon singt, die Wände ihres Labyrinths zu signieren und ihren Körper in ein Manuskript zu verwandeln. Es ist, als würde man Fifty Shades of Grey mit einem Disney-Film vergleichen, so sehr unterscheiden sich der Ton und das Mass an Sinnlichkeit.

Strategie oder schrecklich schiefgelaufen?

Was ist also bei der Übersetzung passiert? Warum unterscheiden sich die beiden Versionen so in ihrem Charakter? Wir können davon ausgehen, dass die englische Variante mit Absicht entschärft wurde. Man stelle sich nur vor, was passiert wäre, wenn das Original 1:1 übersetzt worden wäre. Es wäre nicht nur schwierig geworden, den Song ins Radio zu bekommen; viele junge Leute hätten ihn aufgrund des «Explicit Content»-Siegels vielleicht gar nicht erst gehört. Obwohl die US-Medien in den letzten Jahren wohl liberaler geworden sind, unterscheiden sie sich in ihrer Politik stark von vielen spanischsprachigen Ländern. Diese verfolgen einen freieren Ansatz, wenn es darum geht, was im Radio ausgestrahlt oder im öffentlichen Raum vor einem Familienpublikum gespielt wird.

Tatsächlich war die Bearbeitung von Despacito eher eine Transkreation als eine Übersetzung. Bei einer Übersetzung bleibt man im Allgemeinen so nah wie möglich am Originaltext. Aber wenn Sie es beim Ausgangstext mit Lyrics zu tun haben, die reich an kulturellen Bezügen, Doppeldeutigkeiten und verborgenen (oder auch nicht so verborgenen) Schimpfwörtern sind, müssen Sie kreativ werden. Insofern ist Despacito ein gutes Beispiel für eine gelungene Transkreation. Man hat berücksichtigt, wer das Zielpublikum ist und was für die breite Öffentlichkeit akzeptabel wäre, und hat den Tonfall entsprechend angepasst.

Der Despacito-Effekt

Auch wenn Reggaeton nicht erst seit Despacito im amerikanischen Markt bekannt ist, so hat der Song doch das Genre wieder ins Rampenlicht gerückt. Und er hat der interkulturellen Verbreitung von Musik den Weg geebnet. Schlussendlich hängt der Erfolg eines Songs auch davon ab, wie gut Bedeutung und Tonfall seines Textes für das Zielpublikum transkreiert werden.

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