Social Distancing

Abstand halten – auch in der Sprache?

Seit über einem Monat üben wir uns schon im Social Distancing. Zeit, die Distanz auch auf sprachlicher Ebene mal genauer anzuschauen. Und uns zu fragen: In welchen Sprachen dominiert der Abstand?

Selten war Distanz auf eine Zahl genau bemessen. Gegenwärtig schon. Zwei Meter – so gross soll der Abstand zu unseren Mitmenschen mindestens sein. Was uns sozial vor Herausforderungen stellt, kommt zumindest sprachlich nicht von ungefähr: Distanz stammt vom lateinischen Wort distare, was übersetzt auseinanderstehen, getrennt stehen bedeutet. So weit, so gut. Wir wollten wissen, wie verschiedene Sprachen in schriftlicher Form mit Abständen umgehen. Und fanden heraus: Das Deutsche wird regelbrüchig, während das Chinesische ganz auf Abstände pfeift.

Die deutsche Verbundenheit lässt nach

Im Deutschen schreiben wir unsere unzähligen Wortverbindungen (die Komposita) grundsätzlich zusammen: Virenkampf, Ausgehverbot, Bäckereibetriebsschliessung. Wo nötig auch mit Fugen-s oder zugunsten der Lesbarkeit mit Bindestrich (Kaffee-Erschöpfung vs. Kaffeeerschöpfung). Dasselbe gilt für Adjektive wie stinkwütend oder Verben wie herumliegen. So wärs auf jeden Fall korrekt. In den letzten Jahren übt sich die deutsche Sprache aber vermehrt im Distanzhalten. Plötzlich googelt man fälschlicherweise (aber 8 Mal häufiger) nach Toiletten Papier oder bewirbt sich um die Stelle als Marketing Verantwortlicher. Das sogenannte Deppenleerzeichen grüsst besonders häufig aus Marketing- und Werbekreisen – schuld sollen vor allem die zahlreichen Anglizismen sein.

Ist das Deppenleerzeichen eine englische Krankheit?

Das Schwedische und Niederländische stehen vor dem gleichen Problem. Auch sie sind grosse Komposita-Fans und machen für die falsche Getrenntschreibung die englische Sprache verantwortlich. Die Niederländer nennen das Phänomen sogar unmissverständlich «Engelse ziekte», also englische Krankheit. Ist das Englische tatsächlich für den falschen Abstand verantwortlich? Schliesslich schreibt es soft drink, happy hour oder body lotion. Übernehmen wir Wörter aus anderen Sprachen, dann wohl im gleichen Zug auch deren Grammatik.

Nur: Auch im Englischen gibt es geschlossene Komposita, wie in setup, keyboard, policeman oder moonlight. Und nur der Blick ins Wörterbuch gibt Gewissheit über die Schreibweise – zum Ärgernis vieler Englischlernenden und teils sogar Muttersprachlern. Manchmal werden Wörter nämlich auch nachträglich in zusammengeschriebener Form in die Rechtschreibung aufgenommen.

Die Romanisten distanzieren sich

Die romanischen Sprachen zeigen sich von der ganzen Distanz-Debatte relativ unbeeindruckt: Sie besitzen von Grund auf wenige Komposita. Viel lieber bilden sie Substantiv-Adjektiv-Konstruktionen und schreiben diese getrennt, wie im Spanischen bei novela rosa (Liebesroman) oder bloqueo informativo (Nachrichtensperre). Im Italienischen kommen noch sogenannte parole-frasi ins Spiel, die sogar zwischen Substantiven ein Leerzeichen setzen: agenzia viaggi (Reisebüro) oder treno merci (Güterzug). Oder sie schieben allesamt einfach nonchalant eine Präposition dazwischen – das Französische machts vor mit de: coup de boule (Kopfnuss), pomme de terre (Kartoffel, eigentlich Erdapfel).

Im Chinesischen sind Abstände überbewertet

Im Sozialen vorbildlich umgesetzt, fällt dem fernen Osten das Distanzhalten in der Sprache wohl am schwersten: Chinesische Schriften besitzen erst gar keine Abstände. Wörter werden somit nicht wie im lateinischen Alphabet mit Leerzeichen voneinander abgegrenzt, sondern unmittelbar aneinandergereiht. Ein ganzer Satz sieht dann in vereinfachtem Chinesisch so aus: 我们憋在家里太久了 (Wir müssen schon viel zu lange zu Hause bleiben). Was das Lesen oder auch die Zeilentrennung enorm erschwert.

Das Gleiche gilt für die japanischen Schriften oder das Thailändische. Einzig der Kontext und die sprachliche Intuition helfen dabei, mentale Abstände zwischen den Wörtern zu setzen. Für die Zeichencodierung, z. B. beim Übersetzen, verwendet man besonders für fremdsprachige Wörter zur Abgrenzung Mittelpunkte.

Ganz egal, welche Sprache Ihnen am nächsten steht: Halten Sie Abstand und bleiben Sie gesund.

Titelbild via Twenty20



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