Heimlifeiss_Ziege

«Du bist heimlifeiss.» – «Ääh, danke?»

Würden Sie sich als «heimlifeiss» bezeichnen? Und was bedeutet das dann? Die Meinungen gehen weit auseinander.

Letzthin wurde ich im Freundeskreis als heimlifeiss bezeichnet. Das sei eine Beleidigung, befand jemand sofort. Dabei hatte ich das Kompliment doch dankend annehmen wollen.

Einige Wörter verwenden wir mit grösster Selbstverständlichkeit, obwohl sie keine klare Bedeutung haben. Mehrdeutigkeit; dem Juristen ein Graus, dem Texter ein Stilmittel. Das beste Beispiel: «grundsätzlich». Für die einen bedeutet es «immer», für die anderen «in der Regel», also eben nicht immer.

Heimlifeiss ist ein besonders schönes Exemplar. Nicht einmal über die grobe Konnotation besteht Einigkeit. Ist es gut oder schlecht, heimlifeiss zu sein? Und was bedeutet es überhaupt genau?

Im Superteam sorgte die Frage natürlich für Diskussionen. Verschiedenste Bedeutungen stehen zur Debatte:

  • Schlitzohrig sein (positiv konnotiert)
  • Mehr können, als man meinen würde (positiv konnotiert)
  • Immer noch einen Pfeil im Köcher haben (positiv konnotiert)
  • Mehr haben, als man zeigt (neutral konnotiert)
  • Geheimniskrämerisch sein (negativ konnotiert)
  • Bewusst verheimlichen/verschweigen (negativ konnotiert)
  • Ein «manipulativer, backstabbing bastard» sein (selbsterklärend)

Das schreit nach Aufklärung. Wir zeigen Ihnen, wo Bartli den Most holt.

Dumme Ziege oder schlauer Fuchs?

Heimlifeiss ist ein klassischer Mundartausdruck: Oft verwendet, aber unklar in der Bedeutung. Das Wort setzt sich aus den beiden Teilen «heimli» (heimlich) und «feiss» (feist, fett) zusammen. Ursprünglich wurde der Begriff denn auch vor allem auf Geissen (Ziegen) angewandt. Mageres Aussehen trotz hohem Fettgehalt, der Traum jedes Fitnessmüden.

Bald wurden auch Menschen als heimlifeiss bezeichnet. Und zwar nicht wegen ihrem Körpervolumen, sondern vor allem dann, wenn sie ihren Reichtum nicht zeigten. Von da an nahm die Deutung ihren Lauf: Von «verschwiegen und durchtrieben sein» (negativ) bis «mehr können, als man meint» (positiv). Heute wird der Begriff ambivalent eingesetzt. Jemand, der heimlich für sich selbst sorgt, wird gleichzeitig für seine Fähigkeiten bewundert und für die Geheimniskrämerei verachtet. Und das, obwohl der Duden den Begriff klar negativ behaftet darstellt.

Ob die Bezeichnung heimlifeiss als Beleidigung oder Kompliment aufgefasst werden muss, liegt also stark im Ermessen des Empfängers. Und natürlich des Absenders.

Titelbild via Unsplash: Patryk Sobczak (CC0 1.0)


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3 Kommentare zu “«Du bist heimlifeiss.» – «Ääh, danke?»”



  • Martina Panzer am 15. Dezember 2016 10:35 Uhr

    Heureka! Heimlifeiss – ein herrliches Wort.

    Ich gebe zu: Bereits die Überschrift habe ich mehrfach versucht zu lesen: he-imli-feiss, heim-life-iss (dabei „heim“ in Deutsch, „life“ in Englisch und „iss“ in Was-weiß-denn-ich), he-imlif-eiss…

    Also: Neugier geweckt – schnell weiterlesen. Und so habe ich meinen Wortschatz wieder durch ein sowohl phonetisch als auch semantisch bereicherndes Goldstück erweitern dürfen, das sicher in meine Sammlung wandert. Und die Geschichte dazu zaubert ein Lächeln auf das in der Vorweihnachtszeit leicht gestresste Gesicht.

    Vielen Dank dafür!
    Martina


  • Fabio Schmuki am 23. Dezember 2016 13:00 Uhr

    Wow, Martina. So viel Lob hatten wir jetzt nicht erwartet. Danke für das Feedback.
    Wünschen dir schöne, entschleunigende Festtage.

    Supergruss
    Fabio Schmuki


  • Carl Emanuel Kunz am 9. Dezember 2017 1:58 Uhr

    Den Begriff Heimlifeiss verwende ich regelmässig in meiner Muttersprache. Es überraschte mich, mit welcher Akribie dieser Begriff analysiert wurde. Und jede Deutung ist in sich richtig. Wobei die negative Verwendung des Begriffs für mich sofort auch eine eher negative Beurteilung des Gesprächsverlaufs impliziert. Es handelt sich hierbei meistens um Denunzierung bestimmter Personen.

    Gratulation, sehr gut erklärt.


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