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Warum ungenaue Untertitel genau richtig sind

Untertitel lokalisieren Filmmaterial für das internationale Publikum. Und sind dabei häufig ungenau oder unvollständig. Aber aus guten Gründen – erklärt an einer legendären Szene aus Friends.

Wir befinden uns in Monicas und Rachels Wohnung. Joey setzt eben zur Erklärung an, was damals mit Ginger passiert ist:

“That night, I cooked this really romantic dinner…”

Monica unterbricht ihn:

“You gave her food poisoning!”

 

Die deutschen Untertitel sprechen eine andere Sprache:

Joey: «Am Abend machte ich für uns ein romantisches Essen. Dann hat sie…»

Monica: «Eine Lebensmittelvergiftung gekriegt?»

 

Einmal direkte Anschuldigung von Monica, einmal simple Rückfrage. Was lief beim Untertiteln falsch? Gar nichts. Wir sagen wieso.

Die Zeit rennt

Die grösste Herausforderung beim Untertiteln ist die Zeit. Denn: Untertitel sind nur kurz sichtbar. Im Idealfall lediglich während der Dauer der dazugehörigen Aussage. Damit die Zuschauer*innen die Informationen in der begrenzten Zeit erfassen und verarbeiten können, wird die durchschnittliche Lesegeschwindigkeit des Menschen in die Untertitelung miteinbezogen. Sie liegt bei 12-15 Zeichen pro Sekunde. Die Rechnung ist einfach: Hat man einen Untertitel, der 2,3 Sekunden eingeblendet wird, sollte dieser nicht länger als 35 Zeichen sein, sonst leidet die Verständlichkeit.

Zurück zu Friends: Monicas Vorwurf der Lebensmittelvergiftung kommt im Original sehr schnell und direkt. Es standen also nur wenige Zeichen für den Untertitel zur Verfügung. Die Unterbrechung mit der Frage ist eine elegante Lösung, denn so kann ein Teil in Joeys Untertitel untergebracht werden und Monicas Untertitel wird dazu genutzt, Joeys Satz als Frage zu Ende zu bringen. Damit nutzt dieser gerade mal 37 Zeichen, statt der 48, die etwa «Du hast ihr eine Lebensmittelvergiftung gegeben!» beinhaltet hätte.

Wechsel vom Gesprochenen zum Geschriebenen

Untertitel übersetzen den Inhalt nicht nur auf sprachlicher Ebene. Sie transferieren die gesprochene in die geschriebene Sprache. Man spricht von intermodaler Übersetzung – der Modus der Kommunikation wechselt. Und damit auch die Wahrnehmung durch die Sinne. So fällt beispielsweise die Stimme weg, was die Zuordnung der Untertitel schwieriger macht. Auch muss schriftliche Sprache grammatikalisch und syntaktisch korrekt sein, damit sie verstanden wird – ein Anspruch, der für gesprochene Sprache nur begrenzt gilt.

Im Dienste des Verständnisses

Die Lösung in Frageform wie bei Friends ist eine von zahlreichen Taktiken. Natürlich gibt es unendlich viele Situationen wie diese, in denen individuell reduziert und umformuliert werden muss. Und genau so kommen die vermeintlichen «Falschübersetzungen» zustande: zugunsten des Verständnisses der Zuschauer*innen. Untertitel sind nämlich keine direkten Übersetzungen der Filmskripte. Sie versuchen – trotz verschiedener Einschränkungen – das Gesagte so verständlich wie möglich zu vermitteln.

Was es dafür braucht? Einen spielerischen Umgang mit der Sprache und kreative Lösungen. So erhält jedes Video seine Untertitel nach Mass – von der 90ies-Sitcom bis zum Corporate Video. Das Resultat ist passgenau und für jedermann verständlich. Oder manchmal auch nicht, dafür umso amüsanter. Wie Anfang Jahr beim Sender ORF, der bei der Vereidigung der neuen Regierung versehentlich die Untertitel der Telenovela «Alisa – Folge deinem Herzen» einblendete:

 

Video via Youtube

Titelvideo: Eigentum von Warner Bros. Entertainment



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Ein Kommentar zu “Warum ungenaue Untertitel genau richtig sind”



  • Tony Emmenegger am 30. April 2020 10:46 Uhr

    Re.: Untertitel
    interessant & lehrreich


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