Crashkurs in Gebärdensprache an der re:publica

Vom 5. bis 7. Mai 2015 fand zum neunten Mail die re:publica statt, dieses Jahr in Verbindung mit der media convention berlin. Über 800 Rednerinnen und Redner aus 45 Ländern hielten Vorträge über alles, was die digitale Gesellschaft betrifft. Für mich als Supertexterin war dabei eindeutig der Workshop von Mathias Schäfer zum Thema deutsche Gebärdensprache am Spannendsten.

Die gesprochene Sprache ist linear. Man sagt immer ein.Wort.nach.dem.anderen. Gebärdensprache hingegen ist nicht nur visuell und dreidimensional, sie passiert auch parallel. Eine Geste reicht, um einen ganzen Satz sagen. Ok, das stimmt nicht ganz. Tatsächlich ist es keine Geste, sondern eine Gebärde in Kombination mit der Stellung des Oberkörpers und der entsprechenden Mimik. Da muss ich als Hörende mich gut festhalten, sonst wird mir noch schwindelig.

Der Gebärdenraum

Alle Gebärden finden im sogenannten Gebärdenraum statt. Erinnert mich ein bisschen an «Das ist mein Tanzbereich, und das ist deiner!». Der Gebärdenraum reicht vom Bauchnabel bis zur Stirn und vom linken bis zum rechten Ellenbogen. Innerhalb dieses Raumes lassen sich ganze Welten erschaffen oder Personen platzieren, auf die ich mich in einer Unterhaltung immer wieder beziehen kann. Wenn ich außerhalb dieses Raumes gebärde, spreche ich besonders «laut».

Deutsche und schweizerdeutsche Gebärdensprache

Die Gebärdensprache ist international nicht einheitlich. Wieso auch, sie entwickelte sich im sozialen Kontext genau wie gesprochene Sprachen. Es gibt sogar Dialekte. So kann man sehen, ob ein Gebärdender aus Hamburg, Berlin, München oder einer ganz anderen Region stammt. Das liegt mitunter daran, wo die Gehörlosenschulen ansässig sind. In der Schweiz unterscheidet man zwischen Zürcher, Berner, Basler, Luzerner und St. Galler Dialekt. Funktioniert in der Lautsprache ja auch ganz gut. Eine internationale Form der Gebärdensprache ist Gestuno – auch International Sign genannt – und mit Esperanto vergleichbar. Sie wird bei internationalen Treffen verwendet, hat aber einen beschränkten Wortschatz und basiert zudem sehr stark auf der britischen Gebärdensprache.

Theorie und Praxis

Linguistisch erforscht wird die Gebärdensprache erst seit den 1960er-Jahren. Die Gebärdensprache hat eine eigene Grammatik und muss erlernt werden. Für Hörende wie eine Fremdsprache, für Gehörlose ist es die Muttersprache. Mathias Schäfer hat uns bei seinem Vortrag ein paar Vokabeln beigebracht – und auch, wie man in Gebärdensprache klatscht. Ein sehr spannender Vortrag und ein Denkanstoß: Wird der nächste Sprachkurs wirklich Spanisch oder doch lieber Gebärdensprache?

Bild: Mathias Schäfer erklärt die Gebärde für «ich». Da konnte ich ihm noch folgen.



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