Der Kluge reist im Zuge – der Dumme auch

Bahnsteig NEU

Es hat viele Vorteile, wenn man eine Sprache gut beherrscht. Man kann sich präzise ausdrücken, Aufsätze und Arbeiten von Freunden redigieren oder solche coolen Blogs schreiben. Doch ganz ehrlich: Wer sich täglich intensiv mit der Sprache auseinandersetzt, wird bewusst oder unterbewusst zum Klugscheisser.

Zum Zuhören genötigt

Täglich bemerke ich dies beim Fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln – speziell in der S-Bahn. Mit seinen 4er-Abteilen ist der Zug prädestiniert dafür, den Gesprächen anderer Pendler zu lauschen. Wer keine Kopfhörer dabei hat und sich nicht gerade  «Ai se eu te pego» oder Ähnliches ins Trommelfell dröhnt, hat keine Chance, die Gespräche seiner Sitznachbarn zu überhören.

Der Zug fährt auf dem Gleis

Zwei Freundinnen diskutieren: «Treffen wir uns heute Abend auf dem Gleis 22?»  Achtung! Passt doch auf, ihr armen Mädchen, der Zug fährt auf dem Gleis, ich würde mich eher auf dem Perron verabreden – vorerst behalte ich den Tipp aber für mich. Ihre Kollegin entgegnet ihr: «Alessia kommt mit der S5, treffen wir uns auf dem Gleis 23! » Ich glaub, mich knutscht ein Elch: Sind diese Mädchen stark suizidgefährdet? Natürlich nicht, sie sind lediglich nicht in der Lage, sich gezielt auszudrücken.

Das ist zu viel des Guten

Nach dem fünften Mal «auf dem Gleis» kann ich die Klappe nicht mehr halten. «PERRON, trefft euch auf dem Perron», sage ich. Es kommt mir aber kein wohlwollendes «Aha, stimmt» entgegen. Im Gegenteil, die Mädchen schauen mich so verdutzt an, als hätte ich ihnen soeben den Verbrennungsmotor auf Kantonesisch erklärt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die Freundinnen können sich übrigens doch noch einigen. Allerdings weder auf ein Gleis noch ein Perron. «Wir treffen uns um 18 Uhr am Hauptbahnhof unter der grossen Uhr», sagt schliesslich eine der jungen Frauen. Ich trauen meinen Ohren nicht, das haut den stärksten Mann aus dem Anzug! Ein semantisch und grammatikalisch korrekter Satz mit richtigem Tempus und Kasus. Danke, du liebes Ding, du hast mir die Hoffnung in die Sprachkompetenz der heutigen Jugend zurückgegeben.



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