Die Sprache als Falle

schuhe

Was unterscheidet eine Frage von einer Bitte? Was, wenn Ihre Freundin oder Ehefrau Sie fragt, ob Sie Lust haben, mit ihr Schuhe kaufen zu gehen? Ist das eine Frage oder ein Befehl? Wir haben ein paar Antworten bereit.

«Schatz, hast du Lust, am Wochenende mit mir Schuhe kaufen zu gehen?» Haben Sie Lust? Wahrscheinlich nicht. Dürfen Sie das sagen? Wahrscheinlich nicht. Aber es ist doch eine Frage. Oder ist es ein Befehl? Aber wie wird eine solch harmlose Frage zu einem solch grausamen Befehl? Daran ist unter anderem die Linguistik schuld. Ein Teilbereich der Linguistik, die Pragmatik, beschäftigt sich nämlich damit, herauszufinden, wie das Gemeinte, das Gesagte und das Verstandene zusammenhängen.

Der schmale Grat zwischen Harmonie und Terror

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in der guten Stube und das Fenster ist offen. Sie sitzen beim Fenster und rauchen oder machen sonst etwas Unsinniges dieser Art. Dann sagt die andere Person im Raum: «Es zieht.» Sie haben nun zwei Möglichkeiten, diese Aussage zu deuten: Sie können sagen «Ja, das stimmt» und lassen das Fenster offen (was sicherlich zu Diskussionen führen wird; ich rate Ihnen davon ab).

Kommunikative Funktionen

Oder aber, und das machen die meisten, Sie schliessen das Fenster. Denn Sie haben die kommunikative Funktion der Äusserung richtig gedeutet. Und darum geht es auch bei der eingangs erwähnten Frage: Die Äusserungsform ist eigentlich eine Frage, denn Satzstruktur und Satzzeichen weisen unmissverständlich darauf hin. Aber die Absicht dahinter will mehr. Wenn jemand fragt: «Wissen Sie, wie spät es ist?», könnten Sie auch einfach mit «Ja» antworten (so hab ich früher meine halbe Familie unbarmherzig in den Wahnsinn getrieben). Aber als Kommunikationspartner handeln wir stets so, wie es die Situation und der Kontext verlangen und sind kooperativ. Das erwarten wir im Gegenzug ja auch von unseren Mitmenschen. Deshalb verstehen wir, was die Frage von der Bitte unterscheidet.

Und jetzt?

Was sagt uns das? Tja, das wüsste ich auch gerne. Die Linguistik hat offenbar noch keine Strategie bereit, wie man sich solchen Situationen sprachlich elegant entziehen kann. Bis dahin heisst es wohl mitmachen oder die Diskussion in Kauf nehmen. Aber keine Sorge: Wir bleiben dran und melden uns, sobald eine Lösung in Sicht ist.

Bild: Leafar auf Fotopedia (by-sa 3.0)



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